Hotelblog #1/20: Wie geht es weiter mit der Schweizer Hotellerie?

Die aktuelle Lage macht mir grosses Kopfzerbrechen über die Existenz der Tourismusbranche. Die Auslastung der Hotels, und nicht nur derjenigen in der Schweiz, liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen 0 und 5%. Die meisten Hotels sind geschlossen, da eine Aufrechterhaltung des Betriebes nicht den geringsten Sinn macht. Damit einen Teil der Mitarbeitenden zu beschäftigen mag ein edler Gedanke sein, bringt aber kaum etwas. Durch die Kurzarbeitsentschädigungen sinken die variablen Kosten gegen Null. Was ist aber mit den Fixkosten? Und hier geht es um die Mieten. Der Bund hat in einer schnellen Zusage Mittel für KMU zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen bereitgestellt. Diese Gelder waren innert kürzester Zeit auf den Konten der Antragssteller. Eine Überprüfung der Antragssteller wurde und konnte nicht vorgenommen werden. Man kann sich fragen, wie viele findige Antragssteller sich bei der Umsatzangabe «verschätzt» haben oder den gleichen Kredit bei mehreren Banken gleichzeitig beantragt haben.

Wie geht es aber nun weiter? Die Kredite sind dafür vorgesehen, damit für die Zeit des Lockdown die Liquidität gesichert werden kann. Soll die Liquidität nun für die Zahlung der Miete verwendet werden? Bei CHF 0 Umsatz und variablen Kosten in der gleichen Höhe würden die (nicht reduzierten) Mietaufwendungen massive Verluste in den Erfolgsrechnungen der Mieter hinterlassen. Und dies für Monate. Der kumulierte Verlust am Ende des Geschäftsjahres muss sodann durch Eigenkapital gedeckt werden, damit die Überschuldung der Bilanz nicht zum Konkurs führt. Da stellt sich die unternehmerische Frage, wieso sollte man das tun? Diese Verluste abzuarbeiten verhindert jeglichen möglichen Gewinn in der Zukunft.

Nun kommt die erschwerende Tatsache hinzu, dass die erste Liquiditätsspritze nichts bewirkt, da es noch sehr lange dauern wird, bis in der Tourismusbranche wieder ein «Vor Corona» Niveau erreicht werden wird. Wenn jede Nation Ferien im eigenen Land bewirbt, wer soll dann noch seine Heimat verlassen? Also braucht es eine weitere Unterstützung durch den Staat. Und dass die erste Tranche wohl à fonds perdu den Unternehmen geschenkt werden muss, scheint mir auch unausweichlich. Und wie würde nun eine zweite Tranche verteilt werden? Nach dem Schema der ersten Verteilung kann es kaum mehr gehen. Nun müsste schon genauer geprüft werden, wer Geld erhält. Und wie würde selektioniert? Es gibt ca. 4’500 Hotelbetriebe in der Schweiz. Wer davon kommt in den Genuss?

Ein Ansatz könnte sein, dass die Vermieter auf ihr Mieten vollständig verzichten. Und dies für lange Zeit, da sich nach heutigen Aussagen von Experten der grenzüberschreitende Personenverkehr bis Mitte 2021 (abhängig von einem Impfstoff) nicht ansatzweise erholen wird. Und wenn er es tut, dann nur sehr langsam. Bis also die Logiernächtezahlen das Niveau von 2019 wieder erreichen, wird es lange dauern. Und in dieser Zeit werden sich die verbleibenden Anbieter um jeden Gast reissen, was sich wohl auf die Preise auswirken dürfte. Und wie sollen nun die Vermieter dies überleben? Es handelt sich hier um private Investoren, Pensionskassen, Versicherungen, Anlagefonds etc. Könnten die Staatshilfen mglw. den Immobilieneigentümern als Mietzinsersatz zur Verfügung gestellt werden? So wäre eine bessere Kontrolle möglich. Der Vermieter kann als Folge davon die Mietverhältnisse da wo sinnvoll aufrechterhalten. Gleichzeitig darf man sich nicht vor dem Gedanken verwehren, für die Hotelimmobilien andere Nutzungsformen zu prüfen. Wenn sich solche Alternativen anbieten, die dem Eigentümer eine bessere oder überhaupt eine Rendite in Aussicht stellen würden, könnten auch bestehende Mietverträge aufgelöst werden, ohne dass eine Mieter Konkurs machen müsste.

Es braucht noch viele Gedanken und Ansätze, wie diese Situation bewältigt werden kann. Tatsache ist, dass in den kommenden Jahren massive Überkapazitäten in der Tourismusbranche entstehen werden. Dies wird Betreiber (Mieter) und Eigentümer von Hotelimmobilien vor grosse Herausforderungen stellen. Dass eine Rendite für beide Parteien zu erzielen sein wird, erachte ich als kaum möglich.

3 Comments

  • Cristina sagt:

    Ich bin der Meinung, dass die Nachfrage die entsprechende Korrektur bringen wird! Dies entspricht leider 1 der Realität, Ist aber vermutlich nicht gerade angenehm im nehmen …

  • Christoph Martin Schindler sagt:

    Danke Martin, hierfür. Im Gegensatz zu vorangegangenen Krisen gibt es bei Corona zwei Besonderheiten: a) Corona wird irgendwann verschwinden, und b) die Welt, und damit auch das Kaufverhalten, wird sich nachhaltig ändern. Gäbe es nur a), dann würden wir nur von einer notwendigen Überbrückung sprechen, die überwiegend vom Staat kommen müsste. Coronaschulden würden einfach am Ende der Krise durch den Staat übernommen. Die Tatsache, dass es auch b) gibt, macht diese Rechnung viel schwieriger. Wird die Kreuzfahrtbranche sich in zwei Jahren auf den Nachfrageniveau von 2019 befinden? Höchstwahrscheinlich nicht. Hier wäre es falsch, alle Coronaschulden zu übernehmen, da Kapazitäten aus dem Markt genommen werden müssen. Und wie steht es mit anderen Branchen? Schwierige Fragen… Es wird voraussichtlich Gewinner geben, aber auch viele Verlierer. Ein derartiger Ausleseprozess hat es seit Ende des zweiten Weltkrieges nicht gegeben.

    • Martin Studer sagt:

      Lieber Chris, danke für Deinen Input. Ich sehe das genauso. Wer entscheidet im Fall b) wer zu den überlebensfähigen Marktteilnehmern gehört. Egal ob Hotel A oder B oder Kreuzfahrtgesellschaft A oder B. Beide werden nicht mehr mit genügend Nachfrage rechnen können. Keine einfachen Entscheidungen, die da anstehen. Ich bin gespannt, was die Politik für Lösungsansätze finden wird.

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